Am Wendepunkt stehen keine Wegweiser

Egal ob Partnerschaft, Lebensabschnitte, Umzug, Jobwechsel oder lieb-gewonnene Gewohnheiten:Leider müssen wir uns gelegentlich trennen. Oder positiv formuliert: Wir müssen uns verabschieden. Irgendwann ist er da, der Punkt an dem „Ende“ steht und wir fühlen, dass es vorbei ist. Und damit oft auch dieses schlimme Gefühl in einer Sackgasse zu stecken und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Wir verstricken uns in einem diffus-widersprüchlichen Zustand aus Ohnmacht, Panik, Angst, Wut und Ausweglosigkeit gepaart mit Erleichterung, Aufatmen und Befreiung. Die richtige Strategie hängt dabei von vielen Faktoren ab. Ganz allgemein kann man aber sagen, dass eine lebensbejahende Akzeptanz sehr zuträglich zur Überwindung dieses gefühlt „hoffnungslosen“ Zustandes ist.

Realitäten schaffen

Was können wir aktiv tun, damit wir diese schwierigen Lebensphasen besser meistern? Zunächst ganz wichtig: Realitäten und Fakten schaffen. Die Tendenz des romantisierenden Denkens und das alte Gute in den Vordergrund zu stellen ist hoch. Daher ist es wichtig, erst einmal allen Gefühlen Raum zu geben. Und eine Menge Zeit, die wir brauchen, um in der Realität anzukommen, dass „zu Ende“, auch wirklich „zu Ende“ bedeutet. Bitte nicht das Radiergummi herausholen und versuchen ungute Gefühle „wegzumachen“. Sie gehören unbedingt dazu und dienen der Verarbeitung und der unsichtbaren Hilfestellungen fürs gesamte Leben. Niemand möchte in dieser Zeit, ungefragte Hilfestellungen hören. Daher laufen wohl gemeinte Appelle von Freunden in dieser Zeit meist ins Leere. Bevor man also wirklich mit den Aufräumarbeiten beginnen kann, muss akzeptiert werden, dass ein neuer Weg beschritten werden kann und wird.

Neuausrichtung

Aufräumen, aber richtig

Wo nur anfangen, bei dem gefühlten Chaos? Zunächst einmal ein Schritt nach dem anderen. Und sich am Anfang auf keinen Fall überfordern. Bevorstehende vage Absichten sind hier falsch am Platz. Wichtig sind konkrete Handlungen und Schritte.

Dabei kann ein pragmatischer Ansatz genauso helfen wie ein guter Handlungsplan sowie mentale Wahrnehmungs-Helferlein z.B. Atemübungen oder das gute alte Ablenkungsmanöver. Darüber hinaus sind auch das Verzeihen des Vergangenen genauso wichtig, wie die Vorstellung von einem inneren, positiven Zielbild (Imagination). Wenn Sie sich bewusst machen, dass sie ihre eigene „Übergangslösung“ entwickeln können und für meinen Geschmack auch müssen, kann Ihnen folgende Übung helfen:

Impuls 1: Tun und Lassen

Machen Sie eine „Tun und Lassen Liste“. Eine Liste, der sie blind vertrauen können, da sie sie selbst konzipiert haben. Die „Tun und Lassen – Liste“ macht Ihnen bewusst, was sie konkret tun und lassen können, um sich ihrem Ziel näher zu bringen.

Das Wesen von Angst- und Hilflosigkeitsgefühlen

Angst ist ein Wort, das eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühle beschreibt. Die Angst gehört ebenso ins Leben, wie die Freude. Dabei ist die Angst ein Urphänomen, welches zu unserer biologischen Grundausstattung gehört. Unser Leben ist von Verlusten, Trennungen, Auseinandersetzungen, Bedrohungen und Veränderungen gekennzeichnet. In unserem Lebensverlauf ergeben sich daraus Wandlungen, die zu Unsicherheit und großen Ängsten führen. Wir brauchen unsere Angst zur Lebenserhaltung, denn durch diese werden erst schnelle Reaktionsformen in Bedrohungen möglich. Sie beschützt uns und wir müssen uns ihr auch unweigerlich stellen, damit reale Handlungen überhaupt umgesetzt werden können. Lähmende Angst bzw. das Verharren in unguten Denk- und Handlungsmustern ist an dieser Stelle natürlich kein guter Ratgeber. Klarheit über die Situation, die intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen und der Überprüfung subjektiver Wahrheiten sind gute und bewährte erste Schritte aus dem Tal der Unsicherheiten.

Die Rückeroberung des Selbstwertes

Was tun, wenn der eigene Selbstwert sinkt, wie gewinnen wir unsere eigentliche Zuversicht wieder? In Krisen- und Trennungsphasen hinterfragen wir sicherlich öfters, ob wir das bisherige eigentlich richtig gelebt haben. Vorher bestand ja meist auch kein Anlass. Sind wir jedoch einmal zu der Akzeptanz der Situation gekommen, beginnt der gute Pfad der Selbstregulierung. Wir machen uns bewusst, was bisher gut gelaufen ist. Wenn Menschen sich ihrer Stärken nicht mehr bewusst sind , an sich zweifeln, unsicher geworden sind und vergessen haben, was sie eigentlich können, verlieren sie oft den Mut für den ersten Schritt. Daher ist es sehr wichtig: Wenn Sie sich aus den Augen verloren haben, dann notieren Sie sich einmal, was Sie bereits alles geleistet haben und worin Sie besonders gut sowie motiviert waren. Was hat sich daraus positiv entwickelt? Im ersten Schritt geht es also noch gar nicht um Lösungen sondern im Wesentlichen darum, den eigenen Selbstwert zu reanimieren und emotional wieder zu stärken.

Erinnerungen und Erfahrungen zur Selbstheilung nutzen

Unter Einbeziehungen unserer Bedürfnisse ist es wichtig mal zu schauen, was wir in unserem bisherigen Tun und Handeln richtig gut gemacht haben. Daher beziehen wir unsere Zufriedenheit. Unser Denkapparat und unser Gefühlsleben fühlt sich dann wohler. Nutzen Sie also ihre Erinnerungen und bisherigen Erfahrungen, um zu schauen, was und wer Ihnen wohl gesonnen ist. Und schauen Sie was Sie aus ihren Erinnerungen behalten haben. Was haben Sie als erstes getan, als sie beim letzten Mal vor solch einer ähnlichen Situation standen? Brauche ich externe Unterstützung, weil ich es physisch oder psychisch alleine nicht mehr bewältigen kann? Erinnern Sie sich bewusst an alte, gute Gefühle? Was hat Ihnen am meisten geholfen? Und achten Sie stets besonders darauf, was Ihnen gut tut und was nicht.

Kenntnisse-Eigenschaften-Fähigkeiten

Erworbene Kenntnisse spiegeln den Grad unseres Wissens wider. Es geht um Eigenschaften bzw. die Frage nach sich selbst: Wer bin ich? Und Fähigkeiten bzw. unser Können; sprich was kann ich? Die ureigenen Erkenntnisse dieser Fragestellungen führen dazu über Lösungen und nicht über Probleme nachzudenken. Gehen Sie in die Selbstverantwortung und klären sich. Die Antworten sind schon da und wollen meist nur beachtet werden. Unsere somatischen Marker (Soma= Körper) melden sich nämlich von ganz allein, wenn wir nicht richtig unterwegs sind. Darin sind eine riesige Menge emotionaler Erfahrungen abgespeichert.  Sie sind deshalb ein ideales Instrument zur Überprüfung unserer Annahmen, Ideen und Beobachtungen. Auch alltagssprachlich schlägt es einem auf den Magen, der Atem stockt, wir spüren den Klos im Hals oder das Herz fühlt sich gebrochen an.

Nehmen Sie also wahr, was mit Ihrem Herz, Hals, Magen oder Atem los ist. Auf den Punkt gebracht: Unsere Erfahrungen, die im Gehirn und Körper abgespeichert werden, melden sich zu Wort. Wir brauchen uns also nur von unserem Körper sagen lassen und zuhören, was uns gut tut. Versuchen Sie also unbedingt Ihren Körper miteinbeziehen und nehmen sich dabei stets ernst. Durch die Wahrnehmung der somatischen Marker wird Ihnen bewusst, wie der Körper auf ihre Überzeugungen reagiert. So lassen sich Ablösungsprozesse beschleunigen und verbessern. Die elementare Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir uns überhaupt erst einmal darauf einlassen und fokussieren.

Gefühls-Prävention geht nicht

Inneres Erleben und unser emotionales Verhalten klaffen in Krisen gerne auseinander. Daher verstehen wir oft auch erst im Nachgang des Erlebten, was da eigentlich mit uns los war. Wir leben quasi vorwärts gewandt und entdecken uns erst in der Nachschau. Die Ehrlichkeit und Erkenntnisse uns selbst gegenüber helfen uns, Trennungen besser zu verarbeiten.Außerdem steht ja auch nirgends, dass das schnell gehen muss. Vielmehr steht „Bewusstsein schaffen“, „einen Anfang finden“ und sich dabei körperlich wohl fühlen im Vordergrund. Wir denken oft, dass Entscheidungen allein im Kopf getroffen werden können.

Durch gründliches Nachdenken sollte es doch möglich sein, heraus zu finden, was zu tun ist. Dies ist allerdings ein Trugschluss, denn: Wir tun Dinge manchmal nicht, obwohl gute Gründe dafür sprechen. Das Gehirn hat etwas entschieden, aber der Körper folgt nicht. Das Bauchgefühl spricht dagegen. Man fühlt sich gelähmt, genervt oder angespannt. Unser Bauch entscheidet unbewusst, ob etwas stimmig oder unpassend ist. Es lohnt sich also, den Körper mit auf den Erholungsweg zu nehmen. Unser körpereigenes Signalsystem gibt uns eindeutige Rückmeldungen. Es ist das einzige Hilfsmittel, wenn wir präventiv an uns arbeiten wollen. Und insbesondere in der Reflektion darüber, was uns gut tut und was nicht, ist er von höchstem Nutzen.

Persönlichkeitsentwicklung

Jemanden in der Krise und am Trennungspunkt mit den Worten zu trösten, dass er oder sie eine neue spannende Reise vor sich hat, wird vermutlich nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Und die Ermutigung die Krise als Chance zu begreifen meist leider auch nicht. Wichtig ist sich selbst in den Arm zu nehmen und sich die nötige Zeit nehmen. Es gibt auch keine Messlatte, bis wann, wer was und wie  zu erreichen hätte. Die Verarbeitung ist so individuell, wie wir Menschen eben sind –  nämlich sehr verschieden. Und das ist eine gute Nachricht, die für alle Menschen gilt.

Wenn wir also verstanden haben, worum es gegangen ist und unsere Gefühle sowie Gedanken ernst nehmen, dann ist das eine wunderbare Möglichkeit einen neuen Start zu wagen. Egal welchen Weg man geht, es wird neue Entdeckungen, neue Ziele und neue Aussichten geben. Weil an den Wendepunkten aber leider keine Wegweiser stehen, wenden sich Menschen an mich, um diesen Weg zu finden. Dafür vertrauen sie mir Ihre Geschichten an. Und für dieses Vertrauen bin ich sehr dankbar.

Impuls 2: Mutmachmenschen

In meinem Wendepunkt-Coachcast erzählen Menschen ihre eigene Bewältigungsstrategie. Sie verraten uns nicht nur ihre Geschichte, sondern machen Mut. Mut auch den Anfang vom Wollknäuel zu suchen, zu finden und aufzudröseln. Vielleicht spricht Sie der Artikel an und Sie schreiben mir über ihre Geschichte,  oder Sie finden einen Anknüpfungspunkt zum Thema: Wie richte ich mich nach Trennung neu aus? Egal welche Geschichte, schreiben Sie mir gerne.

Kleiner Mann im Ohr

Menschen können zu Ratgebern für Sie werden. Sie können sie inspirieren und Ihnen Ideen anbieten, die ihnen bisher noch nicht eingefallen sind. Denken Sie an eine handlungsfähige, kompetente Person aus ihrem persönlichen Umfeld. Was würde diese jetzt sagen oder tun? Tatsächlich hat eine ehemalige Kundin mir erzählt, dass sie öfters Frau Nennstiel im Ohr hat, die Ihr sagt: Hallo (Verhaltens-)Muster – geht doch auch anders …. Vielleicht haben auch sie dazu eine Idee? Die beste und erfolgreichste Methode zur Umwandlung von negativen Gedanken besteht darin, sie einfach durch einen angenehmeren und positiveren zu ersetzen und der Negativität weniger oder besser gar keinen Raum mehr zu geben.

Stellen Sie sich für dieses Leitbild einfach eine Waage vor: Alle Ihre angsterzeugenden Annahmen und Gefühle liegen auf der einen Seite. Um das Ungleichgewicht auszugleichen, soll die andere Waagschale mit hilfreichen Vorstellungen gefüllt werden. So können Sie einen besseren Zustand erreichen, der aus den negativen Zuständen auch Raum für Positives hat.

Impuls 3: Notfallkoffer

Stellen Sie sich als weiteres Leitbild einen Notfallkoffer vor. Darin soll sich alles befinden, was für Sie in einer realen Trennungs-, Krisen- oder Angstsituation helfen kann. Sie packen Ihn für sich. Er soll sie überall hin begleiten und für den Notfall allzeit griffbereit sein. Was kommt also in ihren Koffer? Notizen, Gegenstände, Aromen oder Fotos, eben alles was sie zukünftig erinnern soll, wenn sie noch einmal in solch eine Situation kommen sollten. Es muss deshalb natürlich auch kein realer Koffer sein. Eine kleine Schachtel bietet auch den nötigen Halt.

Essenz

„Der kleine Mann im Ohr“ und der „Notfallkoffer“ sind lediglich Beispiele für Leitbilder und Eselsbrücken, die Sie sich natürlich auch selbst erschaffen können. Sie erleichtern Ihnen traurige Themen, Krisen und Trennungen leichter anzunehmen, als etwas Selbstverständliches und vor allem Positives anzunehmen. Schließlich gehören sie unweigerlich zum Leben dazu, bieten uns die Chance zur Weiterentwicklung und ebnen den Raum als auch neue Wege für ein besseres Leben. Mit anderen Worten – was sich im ersten Moment ganz schlimm anfühlt, stellt gleichzeitig unsichtbare Wegweiser an unseren Wendepunkten für uns auf. Und es liegt allein an uns, sie sichtbar zu machen und Ihnen zu folgen.

 

Podcastfolge 8: Zu Ende ist, wenn zu Ende ist.

Mit Imagefilm Musik: Walking on Air von Frametraxx