Lichtblick

Mit Existenzängsten leben lernen

Jeder Mensch – zumindest ab einem bestimmten Alter – kennt sie, die Existenzangst, und ist ihr im Laufe des Lebens vielleicht schon einmal begegnet. Wenn sie uns häufiger im Griff hat, uns sogar um den Schlaf bringt, ist es Zeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sonst beeinflusst sie unser gesamtes Berufs- und Privatleben – meist negativ.

Existenzangst wird vor allem mit der Angst vor Arbeitslosigkeit oder finanziellen Sorgen in Verbindung gebracht. Ursprünglich ging es bei der Existenzangst aber tatsächlich um den Verlust des eigenen Lebens durch Kriege oder Katastrophen. Eine wirklich interessante Bedeutungsverschiebung. Sie kann heute auch als Angst, das eigene Leben nicht zu meistern oder den Sinn des eigenen Lebens zu verfehlen, beschrieben werden.

Anguis (aus dem Lateinischen) bedeutet Enge. Wenn wir Angst verspüren, wird es uns eng um den Hals, das Herz, in der Brust und bei der Atmung. Wir spüren Angst also körperlich. Und trotzdem spielt der Kopf dabei eine ganz große Rolle, denn manche Menschen versetzen sich regelrecht selbst in diesen Zustand der Angst. Indem sie sich vorstellen, was wäre, wenn…

Ängste sind nicht real

Wer viel hat, hat nicht immer viel zu verlieren

Der Mensch hat nicht nur das Bedürfnis, zu existieren und seine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Persönlichkeit des Menschen umfasst unter anderen das Bedürfnis nach

  • Stabilität
  • sozialem Rückhalt,
  • Gesundheit,
  • finanzieller Sicherheit.

Der Verlust dieser Werte kann dementsprechende Ängste auslösen.

Der Mensch sehnt sich nach der Sicherheit, dass seine Existenz in der gewohnten Form auch zukünftig weiterbesteht. Diese Existenzangst zu empfinden ist übrigens ganz normal und tief in uns verankert. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit und Berechenbarkeit der Geschehnisse ist ein Instinkt, der seit jeher in der Natur von Mensch und Tier verwurzelt ist. Das Leben ist aber leider – oder eher zum Glück – nicht berechenbar. Manche werden vom Leben härter getroffen als andere. Und manche haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis als andere.

Nicht alle Menschen erleben Existenzangst als derart bedrohlich

Mit der Existenzangst konfrontiert, agieren wir entweder stressrobust oder stresssensibel. Teilweise ist unser Verhalten Veranlagung. Aber das Gute für alle, denen die Angst Lebensfreude raubt: Wir können lernen, mit ihr umzugehen. Und das sollten wir, denn sie wirkt sich meistens sehr negativ auf alle Lebensbereiche aus.

Schon bei der Berufswahl fängt es an

Der Job spielt in dem Streben nach Sicherheit und Geborgenheit natürlich eine tragende Rolle. Daher ist er bei dem Begriff Existenzangst auch häufig die erste Assoziation. Einerseits geht es dabei um den finanziellen Aspekt: Geld ist in unserer Gesellschaft unerlässlich für die „Existenz“ im bereits definierten Sinne. Andererseits spielen aber auch Faktoren, wie das Gefühl, gebraucht zu werden, eine Rolle, wenn es um einen unbefristeten Arbeitsvertrag oder die scheinbare Kontrolle über den eigenen Karriereweg geht. Viele erhoffen sich durch eine „sichere“ Anstellung und ein regelmäßiges Einkommen Sicherheit und Ruhe vor plagenden Ängsten. Sie suchen sich oft Jobs im öffentlichen Dienst, die keine großen Sprünge erlauben. Menschen mit geringer ausgeprägten Ängsten kommen dagegen auch gut mit der Selbstständigkeit oder einem anderen, wenig berechenbaren, Arbeitskonzept zurecht. Ein Versuch wäre es jedenfalls wert.

Trotzdem sehen sich sicher viele, die den Schritt in die Selbstständigkeit oder zum eigenen Unternehmen gewagt haben, immer wieder mit solchen Fragen konfrontiert:

  • Kann ich nächstes Jahr meine Rechnungen zahlen und meine Familie ernähren?
  •  Ist die Konkurrenz besser als ich?
  • Was, wenn der Großkunde abspringt?
  • Was, wenn die Bank mir keinen Kredit mehr gibt?
  • Was ist, wenn ich krank werde?
  • Was ist, wenn meine Familiensituation sich ändert?
  • Was ist, wenn meine Mitarbeiter kündigen?
  • Was, wenn ich pleitegehe? Was wird dann aus mir?

Wenn einem hier und da Gedanken durch den Kopf gehen, wie es sich wohl anfühlt, wenn das eigene Unternehmen rote Zahlen schreibt, ist völlig normal. Doch was, wenn diese Angst so groß wird, dass man sich nicht mehr aufs Tagesgeschäft konzentrieren kann? Wenn sie einem die Luft zum Atmen nimmt?

Rücklagen und Rückhalt spielen hier sicherlich eine große Rolle. Wer großes Vertrauen in sich selbst und Rückhalt durch andere erfährt, der kommt leichter durch den Prozess der Angstüberwindung.

Wir sind schnell in einem Kreislauf gefangen

Sind wir in unseren Ängsten gefangen und bleiben nur in unserem erwählten Job, weil wir die Existenzsicherung wünschen uns aber zu Tode langweilen, führt das langfristig zu erheblichem Energieverlust, der im schlimmsten Fall in Krankheit münden kann. So entsteht ein fataler Kreislauf.

Warum es sich lohnt, die Existenzangst abzulegen

Die Existenzangst ist ein Gefängnis, das Sie selbst kreieren und in dem Sie sich selbst gefangen halten. Seine Wände beeinflussen jede Ihrer Lebensentscheidungen und damit auch Ihr Glück – selten positiv.

Wer es schafft, sich von seinen größten Ängsten zu verabschieden, lebt dagegen freier und trifft die besseren Entscheidungen. Entscheidungen, die auf realen Gründen und nicht auf unwillkürlichen Instinkten basieren.

Um beim Beispiel zu bleiben: Wenn Sie sich Ihr Leben lang nach der Freiheit, die eine Selbstständigkeit mit sich bringt, sehnen, aufgrund Ihrer Angst aber lieber im Angestelltenverhältnis verharren, werden Sie eines Tages unglücklich und voller Reue auf die Vergangenheit zurückblicken. Und das können Sie auf viele weitere Lebensentscheidungen übertragen, sei es in der Liebe, bei Reisen, bei der Karriere oder der Familienplanung.

Drei simple Schritte zur Gedankenfreiheit

Ich denke, wir sind alle gerne bereit, unsere Existenzangst abzulegen, aber wie funktioniert das und wo bitte fangen wir an. Eigentlich müssen Sie dafür nur die folgenden drei Schritte befolgen:

Schritt 1: Nichts im Leben ist sicher

Sich mit seiner Existenzangst bewusst auseinanderzusetzen, ist bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung. Denn viele Menschen lassen sich von Ängsten leiten, ohne sich dieser Problematik bewusst zu sein. Sie führen also genau genommen ein fremdbestimmtes Leben – und zwar von ihrem eigenen Gehirn beziehungsweise ihren Instinkten geleitet. Glauben Sie nicht alles, was Sie fühlen, oder reflektieren Sie zumindest, was Sie fühlen und wie es Ihre Entscheidungen beeinflusst. Machen Sie den Realitätscheck, ob die Dinge wirklich so sind, wie Sie glauben.

Sicherheit ist eine Illusion und die Zukunft ist unberechenbar, egal, wie prall gefüllt Ihr Konto ist oder wie viele Seiten Ihr Arbeitsvertrag hat. Und vergessen Sie nicht, dass Ihr Leben endlich ist. Das mag im ersten Moment die Angst erhöhen, aber Sie lernen es auch wieder mehr zu schätzen und können es sinnvoller, mit dem Fokus aufs Wesentliche, nutzen.

Schritt 2: Wie sähe Ihr Leben ohne Angst aus?

Nehmen Sie sich Papier und Stift zur Hand und stellen Sie sich die Frage: „Wie würde ich leben, wenn ich keine Angst hätte?“ Schreiben Sie es bitte wirklich nieder. Das ist ein anderer Vorgang im Kopf als es nur in Gedanken durchzuspielen.

  • Was wäre, wenn ich den Job kündige und auf Weltreise gehe? Wie fühlt sich das an?
  • Wie wäre ein aufregender Lebenspartner? Wie wäre es, auszubrechen, um das zu tun, was ich mir wünsche?
  • Wie wäre es, meinen Traum zu leben? Einen anderen Beruf auszuüben?
  • Wie fühlt sich dieses freie Denken an?
  • Was macht Angst? Ist das, was mir Angst macht, real oder existiert es nur in meiner Vorstellung?

Gehen Sie in die Selbstreflexion und erforschen Sie Ihre wahren Wünsche, indem Sie den Gesichtspunkt der Existenzangst rein hypothetisch ausblenden. Nun müssen Sie diese Hypothese nur noch zur Realität machen.

Schritt 3: Wie sieht das „Worst-Case-Szenario“ aus?

Beim letzten Satz denken Sie: „Klar, so einfach ist das dann aber doch nicht.“ Manchmal schon. Was kann denn passieren? Wenn die Existenzangst Sie wieder überfällt, spielen Sie das „Worst-Case-Szenario“ durch. Fragen Sie sich, wovor Sie Angst haben und was Sie von der Umsetzung Ihrer Wünsche abhält. Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte – wenn Sie beispielsweise kündigen, die Scheidung einreichen, alleine reisen gehen oder Ähnliches? Gehen Sie in dieses Gefühl und durchleben Sie Ihre vertrauten Ängste. In der Regel merken Sie schnell, dass sogar der schlimmste mögliche Fall im Endeffekt gar nicht so beängstigend wäre und es (fast) immer eine Lösung gibt. Die Angst findet zu großen Teilen nur in Ihrem Kopf statt. Haben Sie das einmal wirklich begriffen, werden Sie sofort anders durchs Leben schreiten. Denn nicht die Dinge beunruhigen, sondern die Vorstellung der Dinge.

Tun statt denken

Zusatztipp: In Bewegung kommen….

Wenn uns das Gefühl von Angst übermannt und sich das Denken in Endlosschleifen verstrickt, hilft es, in Bewegung zu kommen. Körperliche Aktivität unterstützt, die Veränderung der Situation beziehungsweise des Settings anders wahrzunehmen. Sie zwingt uns, andere Perspektiven zu sehen und andere Energien zu entwickeln. Raus aus der Grübelfalle, Stopptaste drücken und erst einmal nur bewegen, nicht denken.

Podcastfolge 14: Ängste- Nicht die Dinge beunruhigen, sondern die Vorstellung der Dinge.

Mit Imagefilm Musik: Walking on Air von Frametraxx

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